die herrmann

tiefglotzen. reimblicken. po(f)etisch sein.

— 16.12.2018

Adventsspezial #3
Jemenhunger

Als hartes Lager drückt sich das Laken in die dünne, faltige Haut. Die hervorstehenden Knochen büßen die fehlende Polsterung mit Brüchen und Schwund im Innern. Die Augen stehen weit hervor, fallen fast heraus, schauen mit Trauma in das leere Entsetzen. Der Bürgerkrieg dünstet das Sterben aus. Alle zehn Minuten holt der Erlkönig im Jemen ein Kind. Dem Sterben geht Kampf voraus, in dem Wirken ungleicher Kräfte. Wir kennen die Wucht dieses Schlages nicht. Zu weit weg. Oder ist das windiges Geschwätz? Könnten wir es kennen, wenn wir wöllten? Ist das Wollen ein zu starkes Stück? Aber was ist dann das schwache Stück, das leichter Verdaubare?

— Der Rehbraten in angedickter Apfelsoße, mit Petersilienklößen und gebratenem Walnussspieß. Dazu ein Glas wuchtigen Châteauneuf-du-Pape, von der Rhô­ne. Gebackene Honig-Zimt-Pflaume auf Vanilleeis zum Nachrutschen und Schnaps zum Verdauen. Zum leichten Verdauen. Für jedes Bein einen.

— 09.12.2018

Adventsspezial #2
An einem Tag im Jahr

Er gehört zu den Beflissenen. Ursprünglich Elektroingenieur und -installateur, Ende vierzig, Familie, Haus und Hund, immer auf Arbeitssicherheit bedacht, nie ein Risiko übersehend, ein Kümmerer mit Struktur, ein organisierter Weltverbesserer, einer von den Guten. Deshalb ist er auch zum Bürgermeister eines Ortes gewählt worden. Die Leute mögen ihn einfach. 364 Tage im Jahr.

Er nimmt extra Urlaub. Einen Tag. Dann … flippt er völlig aus. Dann geht er richtig ab. Dann sprengen sich seine Ich-bin-vertrauensvoll-strukturen. Er wird zum schrulligen, schrägen Nachbarn, dem man besser aus dem Weg geht. Er steht auf Glühbirnen. Kleine, feine, gelb-, weiß-, rot-, grün-, blau- und buntlichtige Lichterketten. Am und um’s ganze Haus. Es ist Vorweihnachtszeit — Zeit zu schmücken.

An diesem einen Tag, da hält sich seine Morgenlatte über den ganzen Tag. Er trägt eine sogenannte Aufregungserregung vor sich her, die auf hundert Meter Entfernung nicht zu übersehen ist. Denn: er schmückt sein Haus und das gesamte umgebende Grundstück mit von Jahr zu Jahr mehrwerdenden Lichterketten, in kurzer und anliegender Sporthose und weißem Unterhemd, egal wie kalt. Blinkend, anschwellend, abschwellend, farbwechselnd. Stromkreise schalten, Zeitschaltuhren programmieren und koppeln. Anmachen. Ausmachen. Rausgehen. Anschauen. Reingehen. Rausschauen. Alles mit Latte. Nichts geht ihm mehr ab. Worte wie Volt, Watt und Ampere benutzt er mantragemäß und verursacht tantragemäß Ekstase in sich selbst.

Nach getaner Arbeit, wenn die Lichter glühen, der Strom fließt, das Haus funkelt und flimmert, mit Farbwechselspiel im Rhythmus des ersten Leitmotivs aus Wagners »das Rheingold«, dann ist er am härtesten. Er geht nach drinnen. Seine Frau wartet schon. Sie lächelt vergnügt und gütig, sitzt auf der Arbeitsplatte in der Küche, beobachtet ihn, weiß, was jetzt kommt, denkt: 'So ein Spinner.' und öffnet ihre Schenkel.

— 02.12.2018

Adventsspezial #1
Rotkäppchen und der Wolf

Wenn Rotkäppchen heute dem Wolf begegnet, dann zieht es sein Käppchen, fletscht die Zähne und zieht dem Wolf die Kappe über. Der Wolf schwärmt, umkreist sie beflissen, während sie Blümchen pflückt und — nun längst erwachsen geworden — ihren prachtvollen Hintern in den Himmel streckt. Sie lockt ihn in die Wiese, sie betrinken sich mit rotem Wein, lesen sich aus klugen Büchern vor, keifen sich gegenteilige Ansichten druckvoll in die Fassade, bis sie bröckelt. Sie erschrecken voreinander, dem wahren Antlitz und werden scharf. Ihre Waffen voll Bock geladen, Stellungen zum Wollen bezogen.

Beide auf allen vieren, stehen sich gegenüber, bereit zum Sprung. Zum Angriff. Zur alles entblößenden Attacke. Zum Reißen und Beißen. Zum fläzenden Ja-Sagen, mit der Betonung auf eben. Spannungsgeladener kann nur eine Elektroimpulswaffe sein.

Rotkäppchen setzt an: „Wenn du ein bisschen Angst hast, dann kannste mir das ruhig zeigen, Wolf. Aber dann könnt’s halt sein, dass ich dich anfasse. So richtig. Also, wenn ich Lust habe. Wenn’s mir danach ist. Wenn du mir gefällst. Also … ja … denke ich mir so. Ich bin nämlich total lässig, weißte!?“ und errötet dabei. „Pass’ mal auf, du kleine Rotkappe.“ fletscht der Wolf zurück, „Sowas wie dich, verzehr’ ich zum Frühstück! Und zwar mit meinem mittleren Hakenzahn! Wenn der einmal steht, du!! »knurrrr«“. „Ach, ihr Wölfe!“ lacht sie spöttisch, „Ihr seid ja so … BÖSE!“, rückt ihm sachte näher und streicht ihm zärtlich über’s Haupt. „Hast wohl vergessen, dass DU gerade mein Käppchen trägst!? Leuchtest hier rot durch den Hain. Allerliebst, mein Lieber, wirklich allerliebst. ICH trag’ gerade nur rote Socken, du Pfeife!“.  

Der Wolf legt die Ohren an und kneift die Augen zusammen. Angefressen durch ihren Spott, angefasst von ihrem Liebreiz — schon längst; würde er aber niemals zugeben — stellt sich sein mittlerer Hakenzahn auf, bereit zum Reißen. Rotkäppchen’s zarte Hand, noch immer in seinem Nacken liegend, krallt sich nun fester in sein grobes Fell. Es durchfährt ihn. Er knurrrrrrrrrrt. Sie atmet.

– – –

Meine Damen und Herren, staunen sie nun bitte unbeherrscht über sinnliche Qual und erotische Fallhöhe, Stolz und Vorurteil und olle Kamellen. Ziehen sie ihre Beine an, halten sie einen Punsch in beiden Händen, richten sie ihren Blick sanft gelenkt auf das erste Adventslicht und erzählen sie sich diese Geschichte zu Ende. Das Heulen der Wölfe im Ohr. Den Tannenduft des Wolfswaldes in der Nase. Des Rotkäppchen’s zimtigen Geschmack auf glatter Zunge. So geht Adventssonntag auf erotisch. Freuen sie sich auf das nächste Adventsspecial zum zweiten Advent. Herzlich und unkeusch, die herrmann

— 24.11.2018

Lavendel und Igor

Es gibt gemein viel Kram, der mit Lavendelwasser nicht zu reinigen ist. Und wenn das Licht erst einmal von der anderen Seite drauffällt, die Sonne ein bisschen tiefer steht, dann hilft auch kein Knitterschutz mehr. Sie bleiben sichtbar. Die Stellen. Sie werden ad infinitum daran erinnern, dass hier was verkippt wurde. Das Entsetzen lässt uns grausam werden. Weh! Das ist menschliche Schwachheit. Wenn dies zum Nabel der Welt wird, dann wird sie immer größer. Die Stelle. Das Ganze wird überlagert. Also: bewege dich, dann bleibst du nicht stehen. — Ja. Jajaja. Einfach schwimmen, einfach schwimmen, einfach schwimmen, schwimmen, schwimmen. In Bewegung bleiben, das sich bewegende (Kon-)textil miterfassen und ein erweitertes Muster als neuen Grad erleben.

Jedoch — gedankliches Lieblingssujet: Ängste und Zweifel. „Hol den Lavendel, Igor! Schnell!“ Den Lavendel niemals vergessen, immer dabei tragen und beständig vor die Nase halten. Das gibt dem Schritt die nötige Ruhe und der Stelle nicht so viel Raum. Und außerdem hat jeder einen Igor.

— 12.11.2018

wählerische Frauen

Heute vor einhundert Jahren, am 12. November 1918, setzte eine politische Entscheidung, den Grundstein für viele Entwicklungen zum Thema Gleichberechtigung von Mann und Frau — das Frauenwahlrecht in Deutschland trat in Kraft.

Um unsere Stimme zu erheben und wählerisch zu sein, müssen wir nicht barbusig auf der Straße auflaufen. Das ist uns für andere Dinge, politische und erotische, vorbehalten. Welch’ Freude. Das es so ist, empfinde ich als Selbstverständlichkeit. Aber nur, weil ich so jung bin. Einhundert Jahre sind gar nicht so lange her. Nur etwa ein Leben. Was für eine Veränderung unsere Gesellschaft seither zum Thema Gleichstellung gemacht hat! Ich finde es schier unglaublich. Und es läuft mir Spucke über, bei dem Gedanken daran, was uns in weiteren einhundert Jahren gesellschaftlicher Entwicklung möglich sein kann. Ja, Spucke, die sich sammelt, weil der Überschwang an Worten und Ideen, die hinaus wollen, sich überschlagen und schäumende Wellen werfen.

Bevor alles überläuft, möchte ich feierlich verkünden, dass ich diesen Tag heute mit ein paar Wodka bestoßen werde und all der Vorreiterinnen gedenke, die sowohl Vorbild und Inspiration, als auch Lernbeispiel für mich sind. Frauen wie: Maria Grollmuß, Mina Witkojc, Angela Merkel, Rotkäppchen, Erika Lust, Marie Curie, Anne Frank, Alice Schwarzer, Janis Joplin, Billie Holiday und meine Mutter.

Frauen, die dazu beigetragen haben und es noch immer tun, dass wir Weiber unser Denken und Handeln nicht verstecken müssen, im Gegenteil: zeigen sollen und müssen, wie jeder andere Mensch, ob Schoß oder Stoß.

Feiern wir diesen Tag. Auf das Frauenwahlrecht!

— 10.11.2018

Die Lüge

Ich geh’ heute aus, Liebling. Neeeiiiin, diesmal werde ich nicht übertreiben.

— 09.11.2018

Stolpersteine

Beredtes Schweigen zur Realität alles Geschehenen, romantisch-verschwörende Phrasenbildung und Heimtücke, sowie unversteckte Rechtsradikalität, frisst sich in die Mitte unserer Gesellschaft. Ein AfD-Spitzenkandidat und sein tief-braun-selbstverherrlichendes Buch. Es deckt sich warm mit Metaphern zu, um seine vermeintliche Diffamierung reinzuwaschen. Metaphern, die zur Legitimierung von Unaussprechlichem verhelfen sollen, sind im Grunde eine Vergewaltigung von Romantik und Poesie. Schöne Weiber, diese beiden. Wer begehrt sie nicht? Nur wer sie besitzen will, ohne eine Beziehung nach ganz oben zu unterhalten — zu dem, was über uns allen steht: Demut vor dem Leben — der ist alles, aber ganz sicher nicht sauber.

So liest sich sein Reiseplan: absolute Machtübernahme, totalitäres Regime, Unterdrückung gesellschaftlicher und kultureller Diversität, Reglementierung der Andersdenkenden durch Ausgrenzung, Gewalt, Entrechtung und Kriminalisierung. Soweit muss man denken, wenn man den mit brauner Patina befleckten Zeilen und Ideologien folgt.

Nur ein zu belächelnder Stimmungsmacher, oder ein Supergau angesichts unserer Historie? Die Meinungen, sie sind verschieden bis sensationell wankelmütig. Ein großes Taumeln schiebt fortführend eine unschöne Laolawelle vorwärts.

Unser Grundgesetz, ein hohes Gut. Unsere Fackeln, von selbst entzündbar. Es braucht nur einen wunderbaren, peterpan’schen Gedanken. Nur einen. Für ein stilles, friedliches, aber deutliches Zeichen. Für ein demokratisches Miteinander und gegen gestörte Realitätsverzerrer und Menschenverachter, die sich, durch Politiküberdruss der Einen und dem scheinbaren Wunsch der Anderen nach einem Retter, den man verherrlichen kann, einen Platz in unserer Mitte, nein, an der Spitze(!) erheischen wollen.

Die Vergehen der Vergangenheit lassen sich nicht mehr ausräumen. Aber die Zukunft, sie gehört uns. Von Fackel zu Fackel. Halten wir uns also sauber und gehen putzen. Von Stolperstein zu Stolperstein.

— 03.11.2018

Sterntaler


Ihre Lippen biegen mit ihm um die Ecke, wehen ihm einen flehenden Kuss hinterher, wie sich unter dem Wind aufbäumende Bettlaken auf der Wäscheleine. Der Wind keucht ihr für den Tag schwunggebend in den Rücken und durch ihre Schenkel hindurch. Sie läuft schneller. Vielleicht kriegt sie ihn noch.


Doch es kommt anders. Glitter-Flimmer fällt wie Herbstblattregen vom Himmel, lässt sie unvermittelt ihr Kleid heben, um daraus einen Auffangbeutel zu formen. Wie ein Sterntaler steht sie da, den Flimmer bereit zu empfangen, vergessen der Mann, dem sie folgen wollte, gefangen im Tagtraum. Sie biegt ihren Rücken durch, lässt den Kopf in den Nacken fallen, öffnet ihren Mund und gibt sich hin.

Handkehrum verschluckt sie sich an einem der Flimmer. Sie hustet, würgt und spuckt aufmerksamkeitserregend um sich, biegt dabei auf alle denkbar dramatischen Arten, den Passanten ihren Oberkörper entgegen, sodass sie den Eindruck bekommen müssen, sie macht entweder eine professionelle Street-Art-Performance, oder leidet wirklich ganz schrecklich unter sich selbst.

Als ihr Anfall verebbt, schaut sie ihn an, den Moment. Vorbei der Tagtraum. Es ist nichts zu sehen in ihrer Hand, in die sie zu spucken versuchte. Auch ihr Kleidbeutel ist leer. Kein Glitter, kein Flimmer, keine Sterne und keine Taler. Jedoch der Mann steht nun vor ihr und fragt besorgt: „Ist alles in Ordnung?“. Sie denkt: „Aha. Also, dieser Mann ist ganz klar offen gegenüber sexuellen Annäherungsversuchen.“

— 21.10.2018

So und So

Rosafarbene Haare zieht er aus seiner Bürste. In der Hose, trägt er eine dicke selbstgestrickte Socke. Sie beult ihn männlich. Er pfeift aus seiner Jacke, dem letzten Loch und atmet durch die Hose. Er pfeift einen linken Schlager. Es könnte auch ein Schubert sein. Er fässt sich zwischen die Lippen und holt Pomenade von der Zunge. Der eigene Saft glänzt schöner, auf den Augenbrauen. Als „Henri“, so stellt er sich vor, wäre er geboren, wenn er nicht als „Gendri“ gekommen wäre. Er ist das achte von fünfzehn Kindern. Da fällt man schonmal hinten ab. Denkt er sich. Dabei steht er ganz in der Mitte. Und das in jedem Sinne. Er teilt die Eigensaftpomenade in zwei Hälften, färbt die eine mit einem Blutstropfen aus der aufgerissenen Nagelhaut und die andere mit blauem Kajal, den er aus dem linken Auge fischt. Er tupft beides auf seinen Mund. Oberlippe rosa und Unterlippe blau. Der Spiegel sagt: „Ja, so kannste gehen.“

Die tiefe Bodenvibration wird erschütternder, je weiter er in die Masse drängt. Sein Herzschlag passt sich an, von allein. Es peitscht im Zentrum seiner Brust. Seine Arme reißen ihn nach oben, die Füße halten ihn unten. Der zweifarbige Mund lächelt. Clubnebel verschluckt ihn. Die Socke in seiner Hose wippt.

— 18.10.2018

Selfie(sch)ismus

Liebe mich. Komm, liebe mich! Schau, wie schön ich bin. Bin ich nicht schön? Hier bin ich schön und da bin ich schön. Guck! Guck doch mal hin! Ich bin schön, wenn ich so mache und wenn ich so mache. Selbst auf dem Klo. Ich zeig es dir. Ich zeig es allen. Wie schön ich bin. Bin ich nicht schön? Moment, ich mach dir noch eins, wo zu sehen ist, das ich auch klug bin. Das macht noch schöner. Los Selfielein, sag mir das ich schön bin. Nein, schrei es. Lauter! Schrei hinaus, dass ich schön bin. Alle sollen es wissen. Damit ich es selbst glauben kann. Ja? Bitte, bitte, ich will schön sein. Oh Gott, bitte, ich sterbe sonst. Filtere mich ein. Lass mich in deinen Bildschirm fließen. Selfie, ich liebe dich. Und jetzt liebe mich zurück! Wenn du es nicht tust, dann mach ich noch mehr von dir. Willst du das?! Jetzt liebe mich endlich, du scheiß Spiegel. Na warte, spätestens wenn ich schmolle, dann wirst du mich lieben.

— 17.10.2018

Geburtstag

Kein Mensch, keine einzige Person, überhaupt keiner, also wirklich niemand, kommt zu deiner Geburtstagsfeier. Nagut, du hast auch nur drei eingeladen. Es sollte exklusiv werden. Alle verhindert — zu viele Kinder, schlecht gelaunt, zu weit weg. Hm. Schwere Verfürchtung. Ein todlangweiliger Film namens „mein Leben“ flutet deine Denke.

Und schon ist er voll — dein Dachboden. Was nun? Das Essen ist gut, dampft und duftet (und du hast dir so verdammt viel Mühe gemaaaacht!!!), der Tisch gedeckt, die Kinder verborgt, frische Blumen quellen Aphrodisiaka durch alle Zimmer und die Musik sagt: „I Got You Babe.“

Du hängst deinen Kopf mit heiligem Ernst vornüber in die Badewanne, spülst mit der Brause eiskaltes Wasser drüber und lässt dich von hinten saftig von einem Mann nehmen. Danach gepflegt gemeinsam volllaufen lassen, lachen, dass sich das Haus schüttelt und gerade hysterisch genug dabei sein, dass wenigstens die Nachbarn vom Drama erfahren und das noch dampfende, unsagbar gute Essen mit dir und dem Mann verzehren.

Nur ein Geburtstag. Kein lohnendes Zauderzeugs.

— 15.10.2018

Montags-To-Do

*mit Worten auf die Pelle rücken
*mit Stimme in den Nacken hauchen, festbeißen und ansaugen
*tief eindringen, tief, heute und jedem, als erstes mir selbst, sonst macht es keinen Sinn
*Weltschmerz mit Nagellackentferner beseitigen
*Fenster öffnen und „FRIEDEN“ in die Luft rauchen
*den Rauch beflissen wieder einfangen, weil Umweltverschmutzung
*die Faust nach oben strecken und TOP GUN rufen
*was braun ist, grün anmalen, dabei immer lächeln
*Ohmsches Gesetz erforschen — Widerstandsdenke? Ohmsches Denken, oder Ohmendenke?
*ausgewogene Berichterstattung zur Ergründung ständig überlaufender Milch
*bevorstehende sächsische Landtagswahlen meditativ beschwören
*hexisch lernen und AfD-Agitation auf den Blocksberg verbannen
*Müll in die Waschmaschine tun, Wäsche aus dem Fenster werfen
*wenn fertig, alles nochmal von vorn


Herzlich, ihre geistige Selbstbefriedigung

— 12.10.2018

Nachsommer

Weich-mach-warm-mich. Ganz und golden. Für dieses Jahr ist gut mit Hitze. Aber, aber! Du hast keinen Regen im Gesicht! Erstaunlich. Du hast großes Ansteckungspotenzial, mein Lieber. Denn eigentlich, eigentlich würdest du jetzt regnen. Du würdest schwere Tropfen machen, die mir den Stoff beschweren. Du würdest mir deine kalt-nasse Hand unter den Pulli schieben, mich kräftig mit Frost durchkneten, dass mir gefrorene Luft aus dem Mund drängt, die sich lüstern-lächelnd auf’s feuchte Gras legt. Um es kurz zu halten. Ich weiß. Für’s nächste Austreibejahr.

Wieso hast du keinen Regen im Gesicht? Willst du mir meinen damit trocknen? Ach komm. Hör auf Verantwortung für meine Gefühle zu übernehmen. Es sind meine. Sie gehören mir. Wie? Du spiegelst mich? Achso. Ja. Da hast du womöglich recht. Gut. Treiben wir gemeinsam ein bisschen.

Weich-mach-warm-mich. Du Nachsommer. Ich laufe in dir. Mach mir die Hand an. Ich werd’ sie nicht wegpacken. Versprochen. Raschel mich auf und schweb’ mir sachte auf den Kopf. Dreh mir die Schrauben rum, ohne das es weh tut. Ohne das mein Atemnebel sichtbar wird. Keinen kalten Schlag in den Nacken. Mach-mich-an-warm, du Weichmacher, du Farbenkegler, du lichtgedämmter Runterfahrer.

Und dann fang irgendwann an zu pusten. Ganz sachte erst, damit ich mich dran gewöhnen kann. Dann fester. Fahr mir gänzlich durch den Mantel. Ich werd’ ihn für dich offenhalten. Und dann: hol tief Luft. Blase mir deinen Wind in die Flanken, deinen ganzen Schub. Stoß mich. Trag mich. Dreh mich ein. Mehr. Fester! Dorthin, wo ich am schwersten bin und reiße mich mit. Halt mich in deinem ganzen Ungestüm. Verpass mir Faible und Fülle, dass mir Mitte erscheint. Ich will dich tosen und in meine eigenen Arme fallen.

Später dann aber in’s Bett. Ich hab’ zuviel Nacht im Haar. Ach ja, und: endlich darf die Decke wieder Decke sein. Du Nachsommer du. Weich-mach-warm-mich.

— 06.10.2018

Schmetterdinge

Alkohol, Kaffee und Zigaretten. Ja, das muss auch mal sein. Denn alles ist hier Mord. Es schmettern die Dinge. Jeder schlachtet jeden ab. Hier wird ständig einer ermordet. Um sein Leben gebracht. Oder er schnippelt sich selbst K.O. Ja, sowas gibts. Kannste glauben. Und das nicht nur in Künstlerkreisen. Es ist überall so. Da wird Wein in’s Gesicht des Gegenübers gekippt, mit Worten vergiftet, die Klinge durch’s eigene Fleisch geschoben. Macht zum Spiel ernannt …

… oder einer fährt sich selbst gegen den Baum, weil die Frau an Krebs gestorben ist. Es schmettern die Dinge. Und das Kind: es ist nun Waise. Gerade mal fünf Jahre alt. Hier war das Leben selbst der Mörder. Die hässliche Fratze des Seins. Ja, so abgrundtief hässlich, dass man hinein spucken möchte, in den kotzenden Grund.

Wieso? Wieso morden wir? Ich habe folgendes gelernt: Hass ist nicht das Gegenteil von Liebe. Nein, er ist ihr so nah, wie kein Anderer. Nur mit anderen Vorzeichen. Andere Konsonanten und Vokale. Sie machen stets den Unterschied. Nein, das Gegenteil von Liebe, ist Gefühlskälte. Wer hat die schon? Nagut, Putin vielleicht. Da schmettern die Dinge.

Verfluchte Eisenfaust. Fünf Jahre alt. Und nun ohne Eltern. Ich kenne den Grund für diesen Autounfall nicht. Es schmettern die Dinge. Ich denke ihn mir aus. Weil ich still gelegen bin und die Trivialität und Grausamkeit dieses Geschehens schlicht nicht aushalten kann. Aus der Zeit der Romantik in diese Welt gefallen und irgendwie falsch aufgekommen. Es schmettern die Dinge. Ich überlege, ob ich mich still gelegen übergeben kann, um diese Last loszuwerden. Ich fürchte, das hilft nicht. Es wird mich von diesem Leid, von diesem furchtbaren Mitleid nicht befreien. Mir schmettern die Dinge. Stattdessen maße ich mir an, Zeilen über dieses Schicksal zu füllen, um mir selbst zu helfen. Gibt es eine Welt, in der ich weniger fühlen könnte? In der ich so fühlen könnte, wie gelebt, aber nicht so fühlen müsste, wie gefühlt? Schmetterdinge.

Ach ach. Gerade fünf Jahre alt. Und wie muss die Waise sich nun fühlen? Ihm schmettern die Dinge. Verteufelt und verschlagen, es ist diesmal so nah dran. So nah und so banal, dass man nicht nur sagen kann: Sakra, was kann ich tun, damit diese Welt besser wird? Es bleiben diese Schmetterdinge. Mir bleibt nur kopfloses Schütteln. Nur kopfloses Schütteln und Alkohol, Kaffee und Zigaretten. Für diesen Moment. Morgen ist ein neuer Tag. Und dann, ja dann werde ich noch immer mitfühlen, die Romantik, meine stille Gelegenheit nutzen, um einen Weg der Anteilnahme zu finden. Denn was hilft mir dieses Rauschzeugs dabei, die Banalität des Lebens auszuhalten? Diese Schmetterdinge.

— 05.10.2018

111 Euro und 11 Cent

Einmal ausreißen und zurück. Soviel kostet das, wenn du dir ein Abenteuer leistest und Christin Herrmann heißt. Überlege dir also, ob du so heißen möchtest und dann noch abenteuerlustig bist. Klingt ganz groß (in meinem Ohr), ist aber irgendwie … ja, ich weiß es auch noch nicht. Typisch auf jeden Fall.

111 Euro und 11 Cent. Dafür können Menschen in anderen Teilen dieser Welt drei Monate die ganze Familie ernähren, oder ein privates Klageverfahren gegen die Abholzung des Hambacher Forsts beginnen. ICH erfülle mir hingegen ein ganz persönliches Vergnügen und fahre nach Abenteuerechterlebnis zurück, mit einem heftigen Herzkasper. Weil das, so sagt mir das Herz, am Leben hält und gut ist. Für die persönliche Entwicklung. Persönlich. Hm.

So. Steh’ ich nun dazu, oder nicht? Ja, das wird sich wohl erst am Ende, wenn ich vor’m Lebensrichter stehe, beantworten. Auf jeden Fall werde ich auf die Knie sinken. Soviel weiß ich. Ob mein Blick dabei nach oben oder unten gerichtet ist? Es ist beides gleichzeitig denkbar. Ich hoffe nur, der Richter bietet mir einen Wodka zum Stoß an. Wegen der Schnapszahl.

— 02.10.2018

Wortsuppensalat. Hübsch drapiert, schwer zu essen.

Nee, nee, nee, morgens Zirkus und abends Theater. Irgendwie zu viel Kultur. Ganz schön viel Jonglage. Ja, na klar, wirf mir noch ’nen Ball zu. Ich hab’ sie! Alle Neune! Und hier ist sie, die Kehrseite: gespielt lässiges Lächeln in die Zuschauerreihen. Ach … jetzt kommt’s — ich soll auf’s Einrad, nein, auf’s HOCHeinrad! Cool. Ich mag Herausforderungen. Aber ey! Jetzt werfen sie mir noch Schwereres zu — Worte! Es ist aber doch kein Lastenrad, dass ich das alles mitnehmen kann. Nur ein ganz schmales. Zart, flink, leicht und hoooooooch. Da geht nix mehr drauf. Oder … ach ja … jetzt weiß ich: es ist Suppenzeit! Nee, nee, nee, diesen Wortsuppensalat kann ich nicht löffeln, nee. Will ich nicht. Ja. Nee. Doch! Nein zum Kuckuck! Grenzen setzen. (Aber) Die Mauer muss weg! Und dann diese politische Lage … »See-ho(w)-fe(a)r«, wie konntest du ein politisches Spielfeld nach persönlichen Regeln betreten? Ach ja, weil du ein Mensch bist. Überall das Gleiche: morgens Zirkus, abends Theater.

Dabei will ich nur lieben. Dabei wollen wir alle nur lieben.

Und jetzt? Bitte einen Schritt zurücktreten, nochmal neu auf das Bild schauen, die Botschaft erkennen und die ganze Wortsalatsuppe auslöffeln — mit einer Gabel, denn alles was länger dauert, bringt mehr Erfüllung, es fordert uns ganz und gibt Bedeutung. Hübsch drapieren kann ja schließlich jeder. Aus schwer zu gabelnder Suppe einen leichten Genuss machen: großes Kino.

— 30.09.2018

Tiefgang

Je weiter der Abstieg, desto klarer die Umrisse der eigenen Gestalt und desto unschärfer die Silhouette der Tiefe — eine Femme fatale, gewebt aus Nebel und Seidenschwärze. Sie bietet alles, umschlingt dich mit Erkenntnis, füllt dich im höchsten Maß mit Liebe aus, benetzt jede deiner Poren und jeden deiner Worttropfen mit Nieselregen und Tragweite, verschleiert aber ihr eigenes Gesicht. Und das aus nur einem Grund: um dich mit ihrer Glorie nicht zu ersäufen. Sie scheint ein nicht endenwollendes Möglichsein in sich zu begreifen.

Eine spannungsvoll unendliche Geschichte mit gewichtigem Potenzial, dessen Ästhetik sich nur auf das Selbst konzentriert und kein unmittelbares Gegenüber braucht. Man taucht also in’s Ungewisse, um sich zu finden, findet sich auch, aber das Drumherum, die Tiefe, die fatale Femme, wird nur noch mannigfaltiger als sie es ohnehin schon ist. Welch’ überwältigende Schönheit.

Also sieh’ hin und suche dich dort mein Kind. Nirgendwo anders wirst du dich finden. Aber leg dir eine Sicherungsschnur um, wenn du tauchen gehst. Leg’ dir immer eine Sicherungsschnur um.

— 26.09.2018

STOP. Bitte! STOP!

Der Moment in dem alles läuft, wägendes Prüfen nicht mehr nötig ist, man sich selbst mit einem Handstreich überrascht, der Dusel dem Taumel nachtorkelt, dass man die Euphorie nicht mehr anfassen kann und ein Rauschzustand ohne Rüstzeug, nur aus sich selbst heraus entsteht — das muss Schwein sein. Myriaden solcher Momente zieren meinen Durchlauf. Kein Grund zur Klage. Und trotzdem: voller Hunger, will ich „mehr, mehr!“ schreien, mit vollen Händen in den feinen Sand greifen und zupacken, bis alles überläuft. Nur, das Überlaufen hat dann auch wieder Konsequenzen. Welche Möglichkeiten, neben Einspeisung der glühenden Erfüllung, bleiben mir, um jedem Ende meines Schweins zu entkommen? Ich will ihn so gern anhalten, diesen Jubel, das Jauchzen, den Freudensturm und laut kreischen:

„Alle Neune! Ich hab’ sie!“.

Glückssache, Geschick, oder eine Frage der Perspektive? Spielt keine Rolle. Wenn ich dann doch nur auf STOP drücken könnte.

— 19.09.2018

Die Sache mit dem Richtigrum

Wer sagt denn, dass man stets auf den Beinen seinen Fuß findet? Elementar fundiert: es ist die so gewachsene Position und folglich die automatischste Stellungnahme in den meisten Situationen. Die Beine, sie können ja auch so viel: gehen, laufen, rennen, weichen, abrücken, ausbüxsen, ausreißen, flitzen, verduften, sie können sich sogar in die Hand nehmen lassen und dabei dennoch bodennah bleiben. Es ist doch aber so — die Gewohnheit und die Vielfältigkeit dieser Bewegungsmöglichkeiten lassen gern den Sinn für den Kopfstand verlieren. Der Kopfstand lässt alles in den Geist laufen, was sonst durchgehend zirkulieren will. Damit zurecht zu kommen, ist also eine Herausforderung, mitunter eine Zumutung.
Die Wahrheit wird nicht verhandeln. Es wird in den Kopf laufen. Das ist so untrüglich, wie die Endlichkeit alles Lebendigen. Also lieber laufen? Einfach gehen? Ey. Gehen kann man immer. Und wer sagt uns schon, wo wir unseren Fuß finden.

— 14.09.2018

Fanfarenstöße

Völlig vervögelt kullern die Fanfarenstöße durch den Kopf, der doch eigentlich dem Geistigen Antlitz schenken soll. Ist Körperliches eigentlich Geistiges? Ja, so muss es sein. Grobes, Feines, mit viel Schaum, gibt Oberwasser und Unterwasser. Es plätschert sich durch alle Ebenen der Wahrnehmung, bis es ganz unten ankommt und dort tief und sacht bis heftig alles durchflutet — den ganzen Körpergeist. Blaubefleckt mit Druckstellen, nein, Würgemalen, geht es in den nächsten Kampf. Mit sich selbst. Mit dem Nächsten. Mit der ganzen Welt. Normalität für die einen, Sensationsgeilheit für die anderen. Es ist wie die Laufmasche der Strumpfhose, als Wegweiser zum Ziel. Ein erotischer Diskurs, der die sexuelle Energie als Antrieb aller Federn freigibt. Ein offenes Begehren und das damit einhergehende Auseinandersetzen mit Erlerntem und Vererbtem.

— 12.09.2018

Go where the pepper grows, du kleiner Spritzpups!

Welch Meppermumpe sich anklagend über uns zu erheben sucht! Ein Matsch aus Anklage und giftpfeilschießender Unklarheit, bis eigenwut-projizierter Durchfall, ergießt sich auf unseren Straßen. Es scheint an der Zeit, ein Tourette-Syndrom zu entwickeln und unkontrolliert und in mehrmaliger Wiederholung „du kleiner Spritzpups!“ oder „du ungebildeter Dünnpfiff!“ ausdünsten zu lassen.

Nur, so bin ich nicht erzogen. Ich bin eher anständig und wort-kontrolliert. Oder doch nicht? Ich bin gerade nicht mehr sicher. Vielleicht sollte ich auch mal die Hose runter lassen. „Spritzpups!“ — Oh nein, mein Tourette!

Also. Ich versuche mich zu halten. In Contenance. In Besonnenheit. In dem Glauben an das Gute, an die Mehrheit, an die Freiheit — die Wahre. Alles andere wäre ebenso überheblich. Ich kann mich nicht drüber heben. Ich bin mir viel zu schwer. Und die Möglichkeiten der Betrachtungen sind es ebenfalls. Zu schwer.

Aber zum Pfeffer nochmal! Runtergelassene Hosen, nackte Nazi-Ärsche, als Zeichen von »Ich-Scheiß-Auf-Alles« — das kann nicht unkommentiert bleiben. Deshalb: „Go where the pepper grows, du kleiner Spritzpups!“

— 09.09.2018

Kinder, ein einziger Schmiss

Von rosafarbener Zuckerwatte verklebte Münder — wobei der Mundbereich sich ausweitet und über das halbe Gesicht reicht — ziehen ihre Winkel links und rechts bis zu den Ohren. Die Zähne blitzen hervor und könnten süßer nicht sein. Der rosa Klebezucker macht seinen Job. Die Augen funkeln gewitzt vor Lustgier und jagen schon nach dem nächsten Vergnügen. Kinder, eine Woll-Einfach-Machen-Welle. Heute, gestern, morgen — spielt keine Rolle, denn sie können es ohnehin nicht auseinander halten. »Ach ich hatte ja schon eine Zuckerwatte!«, klatscht sich das Kind mit eigener Hand an die Stirn. Es will noch eine … und dann später noch eine … und dann später das ganze noch mal von vorn, solange bis es hat, was es will — noch eine. Eine beeindruckende Unnachgiebigkeit, die wiederholend zur Willensstillung führt. Wieder Zuckerwatte rupfen und nicht mehr unterscheiden, zwischen morgen und gestern. Denn alles ist jetzt.

— 05.09.2018

Wir brauchen mehr Pepp! – politische Alltagsgespräche

„Hieoooar, habt ihr och Rämuloade? (– Hier, habt ihr auch Remoulade?)“ fragt der sächsische Nachbarsjunge am Abendbrottisch.

„Nee, ham wa nich. Aber to mi słodźi! (– Nein, haben wir nicht. Aber das schmeckt mir!)“, spricht der kleine Brandenburger mit sorbischer Attitüde und zeigt auf den selbstgemachten Aufstrich vom Syrer, der kürzlich vorbei schlich, um persönlichen Dank auszusprechen. Dank, den man nur in seiner Sprache verstehen kann, wenn man die Sprache der Dankesgesten nicht kennt. Fragende Blicke wechseln das Feld. Der Sachsenjunge greift kurzerhand und mit leichtem Schulterzucken, mit den Fingern in den Muß und lutscht sie ab.

Der Brandenburger fragt: „A? Schmeckt’s dir oooch? (– Und? Schmeckt’s dir auch?)“
Der Sachse grinst und verkündet: „Nudloar, is wien bisl Bäb! (– Na klar, ist wie ein bisschen Pepp!)“

Der Urgroßvater betritt das Szenario, hält kopfschüttelnd die Tageszeitung in der linken Hand, die rechte tätschelt liebevoll des Urenkels Schopf. Seine altersbedingte Klapprigkeit nimmt ihm nicht die Lust eines Besuchs. „Weeß ooch keena, was bei die in ihre Köppe rumgeht. (-Weiß auch keiner, was in deren Köpfen vorgeht.)“
Er las offenbar den Artikel über den LKA-Deutschland-Hütchen-Mann. Er fässt sich an die Brust, eine kleine, fast zärtliche Geste und erinnert sich an Schlesien, an das Land aus dem er vertrieben wurde.

„Boli ći wutroba? (- Schmerzt dir das Herz?)”, fragt ihn die angeheiratete Enkelin auf sorbisch. Er nickt, setzt sich an den Tisch und sagt: „Brauchn wa mehr Bäb, wa? (- Wir brauchen mehr Pepp, stimmts?)“.

— 29.08.2018

Dunkle Rechtsgasse

Sie sind die Schrecken, die die Straßen fluten. Sie sind die brüllenden Nichtssager. Sie sind die unglücklichen Vielhaber. Sie sind die brustaufblähenden Droher, die ihre Stirn in düstere Falten legen, sobald sich ihnen ein Millimeter Möglichkeit bietet. Sie leiden an einer ansteckenden Krankheit, mit mitunter psychotischen Ausmaßen. Sie heißt Überflussthymie nach ICD-10.
Hüten sie sich, denn sie könnten sich anstecken! Die vom Überfluss Überdrüssigen ziehen sie in ihren Bann, in ihre dunkle Rechtsgasse, wenn sie gedankenverloren ihren Weg entlangschlendern und nicht präventiv dagegen vorgehen. Es gibt Maßnahmen, die einem Übergriff — einem rechtsradikalen Mindfuck — vorbeugen.

Wenn sie unter folgenden Hab-Und-Gut-Dingen beginnen zu leiden —

Arbeit, Familie, Haus/Wohnung, Freunde, Fernseher, Auto, Smartphone, freien Zugang zu pornografischem Material, Freizeit, Urlaub, eine Datsche, Kinder, Bier und Bratwurst, Hund oder Katze, Affären, zehn Paar Schuhe, noch mehr Bier, sehr billige Nahrungsmittel, Winter- und Sommerkleidung, Sex im Bordell, Sex im Auto, oder einfach im Kopf, mit jedem der gerade interessant ist, die Qual der Wahl: Urlaub auf Sardinien, oder Zypern?, Festanstellung, Arbeitslosigkeit im abgefederten Sozialsystem, Nachbarn, die die Hecke schief schneiden, Polyamorie, serielle Monogamie, Demokratie, vermasselter Blowjob, zersprungenes iPhone-Glas, WLAN, drei Fahrräder, ein dauerlaufender Rasensprenger (weil Grundwasserbrunnen vorhanden) im Sommer 2018

— dann sollten sie einmal täglich folgende Maßnahme treffen:

Spielen sie ein Kinderspiel: „Wer auf die Liebe tritt, hat verloren.“

— 26.08.2018

PickUp-Artists

Sie daten. Viel. Ein sportlicher Fulltimejob. 

Männlicher Auswuchs, mit im 15. Lebensjahr steckengebliebenem Übermaß an Beleidigungskomplimenten und säuselndem Begehrschütteln: „Na komm, mein kleines Sommerlüftchen, meine süße Butterblume, weh ein bisschen, seufz ein wenig, ich lach auch erst, wenn’s dunkel wird.“ Sie heischen nach Eroberung, verfehlen ihre eigene Persönlichkeit. Sie jagen, wollen erlegen, pflücken im Durschmarsch alle Pfläumchen vom Baum, ohne deren singuläres Odeur zu erfassen. Ein Flirt, ein number close, bisschen texten, anheizen. Wusch: dann beleidigen, abwerten, klein machen. Rechtfertigung herausfordern. Verunsichern. Manipulieren. Dann eine Verabredung. Ein Date close. Das Betthupferl kurz vor’m Rendezvous versetzen. Nachricht nach zwei Wochen: „Hey du kleines Mädchen, hab’ dich vermisst.“. Ranziehen, wegstoßen, Push and Pull, Macht erzwingen und die Frau, ups, Verzeihung — das Hot Babe — brechen wollen, bis zum fuck close.

Im Sumpf der Beliebigkeiten ersoffen, weil mit Freiheit verwechselt. Ein bedauerlicher Verlust, an beiden Enden. 


Ach kommt schon, ihr Schwer-Auf-Frau-Wut-Habende, ihr selbst ernannten Verführungskünstler, ihr Feigen mit schwachem Rückgrat, ohne der Frucht lustvoll-innewohnendem Geschmack. Schon mal darauf gekommen, dass Frau nicht manipuliert werden muss, um Lust zu leben? Schablone? Nicht nötig. Wahrhaftig Eier in der Hose? Unfassbar heiß. Authentizität, Respekt und Humor, führt euch zu viel besserem Sex. Versprochen. 

— 21.08.2018

Sommer zwischen Beton

Es ist zu heiß, um die Räume zu verschließen, was das Geheime drinnen hielte. Der Beton muss offen stehen, seine Augen sind weit hüllenlos. Der Schweiß drängt nach draußen, legt sich schwer auf die Straße. Ein kümmerlicher Versuch der Städter, Frischluft in die Mauern dringen zu lassen, legt offen, was flagrant ist. Ein Sommerkino für die Ohren. Pscht, sei mal still — ich will dabei sein. Eine gepflegte Mitmacherlaubnis. Alle tun es. Alle wollen es. Alle lieben es. Und alle hören es, im Sommer zwischen Beton.

— 19.08.2018

Nachbarinnen

Sie fährt in den Urlaub, übergibt ihrer Nachbarin vertrauensvoll den Schlüssel zu ihrer Wohnung, mit der Bitte, ihre Katzen zu umsorgen. Selbstverständlich. Die Woche davor, haben sie es andersrum gehandhabt. Im Urlaub entlüftet sie, atmet lange aus und macht mal so richtig Pause. Sie vermisst ihre Tiger, denkt ab und an an sie, ist voller Frieden in dem Gedanken darüber, dass ihre liebe Nachbarin ihr kostbare Dienste leistet. Sie möchte per SMS einen kurzen Zwischendank durch die warme Sommerluft schieben und sich entschuldigen. Denn sie plagt ein wenig ihr Maleur der letzten Woche. Eine der Nachbarin teuer gewordene Lichtmühle, die dem Fenster schmeichelt, ging beim Lüften zu Bruch.

Sie schreibt: „Dank dir herzlich fürs Kümmern. Hast du das Glasdings schon reparieren lassen können? Gib Bescheid was es kostet, ich zahl dir das.“

Bing. Die Antwort: „Nein, das brauchst du nicht. Wirklich, das ist schon ok. Ist schon repariert, waren nur 5€. Ich hab dafür deine Katzen umgebracht.“

— 13.08.2018

Wie Frau auf Facebook-Anmache richtig reagiert:

Oh! Ach. ECHT? Alle Achtung, das ist ja allerhand. Ja, du, ich finde es auch schön, von dir mal wieder zu hören. Und ich bin ehrlich gesagt schwer verunsichert, wie ich deine Direktheit aufnehmen soll. Ähm, verhohnepiepelst du mich? Ist das ECHT? Ich will nämlich nicht verhohnepiepelt werden. Ich bin eine taffe Frau! Und ich werde das sofort merken, wenn du mich hochnimmst. ECHT? Ja, da komm‘ ich schon zur Kehrseite dieses Bildes, des Hochnehmens. ECHT. Wenn du mich also dann hochnimmst, deine Hände unter meinen Hintern greifen, deine hormongeschwängerte Kraft mein Gewicht auf sich zieht – ECHT? –, du meinen Schoß gegen deine Härte drückst – ECHT? – und süße Hitze sich zwischen meinen Schenkeln ausbreitet, langsam durch meinen Bauch und weiter nach oben kriecht – ECHT. –, rutscht mir ein ringendes ECHT? aus der Kehle. Du würdest mich ECHT? gegen die Wand drücken, bis dein ganzes Gewicht mir jeden fragwürdigen Widerstand raubt. Ich würde ECHT! glauben, so etwas ist mir noch nie passiert. Also, lass uns begegnen, in ECHT.

— 08.08.2018

Silberlinge

Jugendliche, vor Nervosität verschwitzte Hände Zweier, die ineinander gleiten, sich nicht mehr lösen mögen, legen gleichsam Falten an und Ängste ab. Sie funkeln in Silber, schmiegen sich sanft an, ohne zu drücken. Keine Laster, die wie Scharlach blühen. Das ginge auch nicht raus aus der Wäsche. Doch schrittweise Möglichmachungen, Räume, die im Alleingang geboten sind, um mit der neuen Erfahrung zurückzukehren, in die vertraute und innige Fingerfaltung mit dem passenden Silberling.

— 03.08.2018

Subgespräche

An der Oberfläche wird etwas ganz anderes gesagt, etwas vordergründig Nettes. Unten drunter liegt der Abgrund, die funkelnde Dunkelheit in ihrer ganzen Großkotzigkeit. Ganze Gespräche können so geführt werden. Und eigentlich will die verbale Faust ins Gesicht des Gegenübers fliegen. Mit Wucht und Brumm. Allerdings ist das nicht fein. Ein reinigendes Gewitter dieser Art könnte aber erquickend wohltun. Denn wenn man sich einmal spritzspuckend über einander hergemacht hat, weiß man jedenfalls, wie der Andere schmeckt. 


Eine Alternative zu einer monströsen Polemik wäre einfach miteinander Sex zu machen. Das baut ebenfalls Spannung ab, aber auf eine viel angenehmere Art und Weise. Und nun stelle ich mir vor, wie politische Debatten im Öffentlich-Rechtlichen in wilder Vögelei enden. Wo Machtspiele erlaubt sind und politische Korrektheit Ansichtssache — oder besser — eine Frage der persönlichen Vorliebe ist. Wäre das nicht ehrlicher?

— 01.08.2018

Die Wahl

Aus dem Mistkübel der Gier und der Starre in Veränderungsfurcht, mit konservativ-antifeministischer und völkisch-nationalistischer Haltung erblühte die [A]pparatur [f]ür [D]rückeberger. Massenhaftes Desinteresse, obschon vorhandenen Wissens oder Kenntnisarmut über internationale, wirtschaftliche und politische Vorgänge, half den Drückebergern zu einer kopflos-rasenden Fahrtaufnahme.
Aggressive Meinungsmacher samt aggressiver Faktenfeindschaft erbrechen HEIL-längst-vorgekautes mit Vulgarität aus Prinzip. Und so viele sind begeistert.

Die Herren treten gern nach unten. Und zwar von ganz oben. Wir stehen hier für die Bunten. Für die Randgruppen und gegen die Vollrausch-Gutmensch-Phoben.

In Zeiten eines globalen Terrorismus, der darauf gründet, dass das Wohl des Einzelnen ungleich gesät und Unliebe von Mensch zu Mensch, in toxischsten Dosen weitergereicht wird, wie ein Kelch für Jeden, werden wir angehalten, das Erinnern zu verloddern, indem wir in Musterdenke gezwängt werden, welche wir schon lang verflossen gebeutelt und demütig vor dem Leben abgelegt meinten.
Kriege nähren sich aus Machtgier, Terror aus Schrecken. Wo liegt die stinkende Wurzel dieses Gifts? In dem Wunsch der eigenen Erhöhung durch Erniedrigung anderer? Wer erniedrigt oder sich erniedrigen lässt, muss schon früh vom Gift empfangen haben — der Kreislauf ist im Gange und zieht immer größere Runden. Wer erniedrigt und entmachtet, erntet lenkbare Bewunderer oder Feinde. Bewunderer werden zu Terroristen, Feinde zu Kriegern. Es rasen Transporter in Menschenmengen. Es rasen die Herzen vor Furcht. Alles rast vor Wut.

Und dann tritt die [A]pparatur [f]ür [D]rückeberger nach unten. Und zwar von ganz oben. Wir stehen hier für die Bunten. Für die Randgruppen und gegen die Vollrausch-Gutmensch-Phoben.

— 30.07.2018

Wie Mann über Facebook richtig anbaggert

Hey! Ach schön, dass ich dich hier finde! Mensch, wir haben uns lange nicht gesehen. Ich habe oft an dich gedacht und ich hoffe, es geht dir gut. Bist du glücklich? Ich hoffe es. Zweifellos siehst du gut aus! Du, ich hab mal ein bisschen bei dir rumgestöbert, deine Bilder und Musikvideos angesehen und mir fällt auf: ich finde dich echt GEIL. Deine Fotos machen mich wahnsinnig und ich würd dich gern mal anfassen. So ein bisschen an dir runterlecken. GEIL. Und deine Stimme — oah, GEIL. Baby, ich steh auf dich. Können wir uns mal treffen? Das wär GEIL. Dann würd ich auch gar nicht weiter reden. Ich würd dich gleich ausziehen. GEIL. Ich würde mich an dich drücken und mein Bein zwischen deine Schenkel schieben. GEIL. Ich bin schon hart. Ich könnte noch härter werden, wenn ich mich an dich pressen dürfte. GEIL. Mein Gesicht in deinem Schoß, meine Hände überall, mein Schweiß auf deinem und unser wilder, heißer Atem. GEIL. Ich in dir und du auf mir. Los, lass ma treffen.

 

— 18.07.2018

sorbisch fluchen

Das Sorbische lässt nicht viele Möglichkeiten zu fluchen. Und selbst die Verbleibenden, klingen wie seichtes, schaumloses Wellenplätschern ohne Stoßen, bei Windstärke 1.

Tajkile kał! = So ein Mist! | Zaklate! = Verflucht! | Zatrašne! = Verdammt!

Der Versuch, ihrem Machtwort Nachdruck zu verleihen, indem meine Mutter ein zaklate fuffzich draus machte, erregte unaufhaltsame Sympathie und den festen Glauben an ihre Unumstößlichkeit.

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